Gateway-Prozess: Ist unser Bewusstsein größer als unser Alltag?
Was passiert, wenn wir für einen Moment nicht nach außen schauen, sondern die eigene Wahrnehmung selbst zum Gegenstand unserer Aufmerksamkeit machen?
Du liegst da, hörst Klänge über Kopfhörer und richtest deine Aufmerksamkeit nach innen. Kann dabei etwas entstehen, das sich völlig anders anfühlt als dein gewohntes Denken?
Der Gateway-Prozess erkundet genau diese Möglichkeit – und berührt damit eine Frage, die auch ohne Kopfhörer spannend bleibt: Wie viel wissen wir eigentlich über unser eigenes Bewusstsein?
Was steckt hinter Gateway?
Der von Robert Monroe entwickelte Gateway-Prozess verbindet angeleitete Entspannung mit besonderen Klängen und inneren Bildern. Teilnehmende sollen ihre Aufmerksamkeit nach innen richten und ungewohnte beziehungsweise nach Darstellung des Monroe Institute erweiterte Bewusstseinszustände erkunden. Zum Einsatz kommen dabei unter anderem binaurale Audioübungen, die mit Monroes Hemi-Sync-Technik verbunden sind. Zu den weitergehenden Zielen des Programms gehört auch die Erkundung sogenannter außerkörperlicher Erfahrungen.
Zusätzliche Bekanntheit verdankt Gateway einem Bericht der US-Armee aus dem Jahr 1983, der später über das CIA-Archiv öffentlich zugänglich wurde. Das klingt natürlich gleich nach verschlossenen Türen und streng geheimen Erkenntnissen. Ein Kopfhörer allein hätte vermutlich weniger Aufmerksamkeit bekommen.
Der Bericht mit dem Titel Analysis and Assessment of Gateway Process beschäftigt sich mit möglichen Erklärungen für das Training. Dass ein solcher Bericht existiert, ist allerdings noch kein wissenschaftlicher Beweis für die darin diskutierten weitreichenden Vorstellungen über Bewusstsein.
Auch die Forschung zu binauralen Beats ergibt kein völlig eindeutiges Bild. Untersuchungen berichten mögliche Effekte in einzelnen Bereichen, gleichzeitig weisen Übersichtsarbeiten auf unterschiedliche Ergebnisse, kleine Studien und methodische Unterschiede hin. Eine aktuelle Einordnung bietet beispielsweise eine systematische Übersichtsarbeit zu binauralen Beats, Schlaf, Angst und Kognition.
So viel zur Einordnung. Die eigentliche Faszination beginnt aber bei einer viel menschlicheren Frage: Wie wäre es, sich selbst einmal ganz anders zu erleben?
Zwischen Einkaufsliste und großer Bewusstseinsfrage
Im Alltag beschäftigen wir uns meist mit dem, was gerade ansteht. Die Arbeit wartet, eine Nachricht will beantwortet werden und irgendwann fällt uns ein, dass zu Hause kein Kaffee mehr ist. Das Bewusstsein darf sich um die großen Fragen kümmern, sobald der Rest erledigt ist. Also voraussichtlich nächsten Donnerstag. Oder nie.
Ein Training wie Gateway setzt einen anderen Schwerpunkt: Für eine Weile wird das eigene innere Erleben zum Gegenstand der Aufmerksamkeit. Was nehme ich wahr, wenn ich still werde? Welche Bilder entstehen? Wie fühlt sich mein Körper an, wenn ich mich nicht nebenbei schon mit der nächsten Aufgabe beschäftige?
Dafür muss man nicht sofort an andere Dimensionen glauben. Schon die Bereitschaft, genauer hinzuschauen, führt zu interessanten Fragen. Wann hast du zuletzt bewusst wahrgenommen, was in dir vorgeht, ohne es unmittelbar zu bewerten oder verändern zu wollen? Und würdest du etwas Ungewohntes überhaupt zulassen – oder innerlich gleich nach der Gebrauchsanweisung suchen?
Vielleicht ist Bewusstsein nicht nur das, womit wir unseren Alltag erledigen. Vielleicht lohnt es sich gelegentlich, das Erleben selbst anzuschauen.
Wenn dich weniger die spektakuläre Erklärung und mehr die Frage interessiert, wie wir unser eigenes Erleben wieder bewusster wahrnehmen können, passt auch mein Buch Im Takt mit dir selbst zu diesem Gedanken.
Muss eine Erfahrung sofort eine Erklärung haben?
Besonders viel Neugier wecken Berichte darüber, sich außerhalb des eigenen Körpers zu erleben. Dabei lohnt sich eine wichtige Unterscheidung: „Es hat sich angefühlt, als wäre ich außerhalb meines Körpers“ beschreibt zunächst ein Erlebnis. „Mein Bewusstsein hat den Körper verlassen“ ist bereits eine Erklärung dafür.
Für diese weitergehende Erklärung gibt es bislang keinen unabhängigen Nachweis, der sie als gesicherte Tatsache bestätigen würde.
Trotzdem darf ein solches Erlebnis für jemanden eindrucksvoll oder persönlich bedeutsam sein. Man muss es weder zur Entdeckung des Jahrhunderts erklären noch mit einem Schulterzucken abtun.
Genau da wird das Thema auch jenseits von Gateway interessant. Wie gehen wir mit etwas um, das nicht in unser bisheriges Bild passt? Werden wir neugierig? Misstrauisch? Suchen wir sofort nach einer Erklärung, die uns gefällt? Oder halten wir es aus, vorerst keine zu haben?
Diese Fragen betreffen auch das eigene Urteil. Denn wer unbedingt etwas Außergewöhnliches finden möchte, sollte seine Deutung ebenso hinterfragen wie jemand, der schon vor der ersten Erfahrung alles für Unsinn hält.
Vielleicht beginnt echtes Fragen genau dort, wo weder Glaube noch Ablehnung schon vorher die Antwort festgelegt haben.
Neugier braucht keine fertige Überzeugung
Gateway lässt sich als Einladung betrachten, über das eigene Erleben nachzudenken. Die Versprechen des Programms muss man dafür nicht übernehmen. Offenheit und kritisches Nachfragen passen durchaus zusammen – auch wenn die spektakuläre Erklärung meistens die bessere Schlagzeile abgibt.
Vielleicht ist die spannendste Frage deshalb zunächst ganz nah:
Was entgeht mir von meinem eigenen Erleben, während ich den Alltag erledige?
Vielleicht braucht es darauf gar keine schnelle Antwort. Vielleicht reicht es zunächst, die Frage überhaupt einmal stehen zu lassen.
Quellen und weiterführende Informationen
Über Mind Art Universe
Mind Art Universe beschäftigt sich mit Bewusstsein, Wahrnehmung und den Fragen, die nicht immer eine schnelle Antwort brauchen. Dabei darf ungewöhnlichen Erfahrungen mit Neugier begegnet werden – ohne aus einer Möglichkeit vorschnell eine Gewissheit zu machen.
Wie siehst du das?
Hast du schon einmal etwas wahrgenommen, das du dir bis heute nicht richtig erklären kannst – beim Einschlafen, in der Meditation oder mitten im Alltag?
Wenn du magst, erzähl in den Kommentaren davon: Was hast du erlebt – und wie deutest du es heute?



