Kurz & Klar · Aufmerksamkeit · Fantasie

Scrollen statt Träumen: Wo bleiben unsere eigenen Gedanken?

Wenn jede kleine Pause sofort gefüllt wird, bleibt eine interessante Frage offen: Was wäre eigentlich passiert, wenn wir unseren Gedanken einfach ein paar Minuten gelassen hätten?

Der Bus kommt in drei Minuten. Du greifst zum Handy, schaust ein Video, liest eine Nachricht und erfährst nebenbei, warum du dein Leben dringend anders organisieren solltest.

Dann ist der Bus da. Die Wartezeit ist vorbei – aber wo wären deine Gedanken hingewandert, wenn du sie einfach gelassen hättest?

Nicht jede freie Minute braucht sofort ein Programm.

Drei Minuten ohne Programm

Es sind oft die unscheinbaren Lücken: warten, bis das Wasser kocht. Noch kurz sitzen bleiben, bevor der nächste Termin beginnt. Im Zug aus dem Fenster schauen.

Das Smartphone bietet für solche Momente zuverlässig etwas an. Unterhaltung, Kontakt, eine interessante Geschichte. Daran ist erst einmal nichts verkehrt. Nur fällt die Entscheidung dafür manchmal so beiläufig, dass wir sie kaum bemerken. Eben war uns kurz langweilig, jetzt verfolgen wir die Küchenrenovierung eines Menschen, den wir vor vierzig Sekunden noch nicht kannten.

Die Frage ist deshalb weniger, ob wir das dürfen. Natürlich dürfen wir. Interessanter wäre:

Wollte ich gerade etwas Bestimmtes sehen – oder sollte einfach keine Lücke entstehen?

Ein eigener Gedanke kündigt sich schließlich selten mit einer Benachrichtigung an. Manchmal braucht er einen Moment. Und manchmal fällt uns tatsächlich nur ein, dass noch Waschmittel fehlt.

Auch das darf das Ergebnis einer unbesetzten Minute sein.

Inspiration braucht nicht immer sofort Nachschub

Ein Bild kann Lust aufs Zeichnen machen. Ein Song kann eine Erinnerung wecken. Ein Video kann der Anfang einer eigenen Idee sein. Digitale Inhalte und Fantasie sind keine Gegenspieler.

Aber was passiert nach diesem ersten Impuls?

Stell dir vor, du siehst ein Foto von einem verlassenen Haus. Du fragst dich, wer dort gewohnt hat. Warum steht noch ein Stuhl am Fenster? Wie würde eine Geschichte beginnen, die hier spielt?

Du könntest diesen Gedanken folgen. Oder zum nächsten Beitrag wischen, in dem jemand erklärt, wie man eine Avocado richtig aufschneidet.

Beides steht dir offen. Nur bekommt die begonnene Geschichte im zweiten Fall vermutlich erst einmal keine Fortsetzung.

Darin liegt der Gedanke hinter „Scrollen statt Träumen“: Was lassen wir durch das ständige Weitergehen liegen? Eine Frage, eine Erinnerung, eine eigene Vorstellung?

Wir müssen daraus keine pauschale Warnung machen. Es reicht, gelegentlich wahrzunehmen, ob wir etwas nur interessant finden oder tatsächlich weiterdenken möchten.

Langeweile schuldet dir keine geniale Idee

Nun lässt sich auch aus freien Gedanken mühelos eine Leistungsaufgabe machen. Zehn Minuten Tagträumen, danach bitte eine originelle Geschäftsidee und mindestens ein halber Roman.

So wäre die Pause schon wieder verplant.

Wenn du das Handy liegen lässt, muss nichts Besonderes passieren. Du kannst die Menschen an der Haltestelle beobachten, an einen Freund denken oder dich über die Verspätung ärgern. Langeweile ist manchmal schlicht langweilig. Sie wird nicht automatisch wertvoller, nur weil wir ihr einen kreativen Auftrag geben.

Auch das Abschweifen ist nicht immer angenehm. Manchmal landen wir bei Sorgen statt bei schönen Vorstellungen. Du musst deshalb keine stille Minute tapfer durchhalten, um irgendetwas zu beweisen.

Es geht nicht darum, aus jeder Pause etwas zu machen – sondern darum, dem eigenen Denken gelegentlich überhaupt wieder Zeit zu lassen.

Eine erfundene Geschichte darf dabei genauso vorkommen wie ein völlig unspektakulärer Gedanke. Und keiner davon muss später veröffentlicht werden.

Wem gehört die nächste freie Minute?

Nach einem vollen Tag kann Scrollen genau die Unterhaltung sein, auf die du Lust hast. An einem anderen Abend merkst du nach zwanzig Minuten: Eigentlich wollte ich gerade von niemandem mehr etwas hören. Jetzt haben mir zwölf Menschen etwas erklärt.

Dann könnte eine kleine Frage passen: Brauche ich etwas anderes – oder gerade weniger?

Du musst dafür weder das Smartphone verbannen noch einen Kalender für spontane Gedanken anlegen. Lass bei Gelegenheit eine ohnehin vorhandene Lücke offen. Warte, bis der Tee gezogen hat. Schau während einer Zugfahrt ein Stück aus dem Fenster.

Ohne die Erwartung, dass dein Kopf diese Gelegenheit nun gefälligst sinnvoll nutzt.

Ob dabei eine Idee auftaucht, bleibt offen. Du gibst dir lediglich die Möglichkeit, es herauszufinden.

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Wenn dich die Frage beschäftigt, wie zwischen all dem äußeren Input wieder etwas mehr Raum für die eigene Wahrnehmung und die eigenen Gedanken entstehen kann, passt auch Im Takt mit dir selbst zu diesem Gedanken. Nicht als Aufforderung, jede Pause besonders bewusst zu nutzen – sondern als Einladung, sich selbst im eigenen Alltag wieder etwas häufiger zu begegnen.

Über Mind Art Universe

Mind Art Universe beschäftigt sich mit Bewusstsein, Kreativität und den kleinen Zwischenräumen unseres Alltags. Nicht jede freie Minute muss produktiv werden. Manchmal kann es schon interessant sein, sie nicht sofort zu füllen – und zu schauen, wohin die eigenen Gedanken von selbst wandern.

Wann dürfen deine Gedanken noch wandern?

Wann lässt du deine Gedanken noch einfach ziehen, ohne sofort nach dem Handy oder einer anderen Beschäftigung zu greifen?

Und ist dir dabei schon einmal etwas eingefallen, das beim nächsten Scrollen vermutlich untergegangen wäre? Erzähl gern in den Kommentaren davon.

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